Was ist Nachhaltigkeit?

Im Jahr 1713 stellte der königlich-polnische und kurfürstlich-sächsische Kammer- und Bergrat Johann Carl von Carlowitz auf der Leipziger Ostermesse sein Buch über die „wilde Baum-Zucht“ vor. In diesem Werk prägte er den Begriff der Nachhaltigkeit. Carlowitz beschrieb damit ein Prinzip, nach dem der Baumbestand in den Wäldern erhalten und Holz in dem Maß neu „angebaut“ werden müsse, in dem es dem Wald entnommen wird. So sollte „eine continuierliche beständige und nachhaltende Nutzung“ der Wälder ermöglicht werden. Carlowitz hatte Erfolg mit seinem Buch, aber die knapp dreihundert Jahre später einsetzende Wirkung des Wortes Nachhaltigkeit hätte gewiss auch er sich nicht vorstellen können.

Heute gibt es „nachhaltige Entwicklung“, „nachhaltige WEB_KIF_4724Jobs“, „nachhaltigen Tourismus“, „nachhaltiges Bauen“, „nachhaltige Mode“, „nachhaltige Stadtentwicklung“, entsprechende Ernährung, Energie, Verpackung, Chemie und und und. Vor kurzem fanden die „deutschen Aktionstage Nachhaltigkeit“ statt. Kommunen und Länder mindestens in Europa richten zunehmend Sustainability departments ein, ebenso auch größere Unternehmen – sogar eine weltbekannte Zuckerwassermarke. Dort werden nachhaltige Projekte mit lächelnden Menschen vorgestellt. Ziele werden formuliert und Inhalte definiert, wenngleich sich diese gerade im politischen Bereich wenig nachhaltig bei neuen Legislaturperioden auch wieder ändern können. Es gibt Dekaden der Bildung für nachhaltige Entwicklung und diverse Institute für Nachhaltigkeit. Wer will kann sich beim Rat für nachhaltige Entwicklung über das Thema informieren, den „Deutschen Nachhaltigkeits-Kodex“ konsultieren oder Definitionen zum Thema vergleichen.

Aber was denken die Menschen über den Begriff, die immer häufiger mit einem neuen Werbeversprechen der Nachhaltigkeit für Produkte und Dienstleistungen begeistert werden sollen?

Wir haben auf der Ökofete 2015 in Leipzig unseren neuen Stadtrundgang: “Nachhaltig leben, fair einkaufen” beworben und nachgefragt, was die Besucher eigentlich unter „nachhaltigem Leben“ und einer „nachhaltigen Lebensweise“ verstehen. Hier die Antworten (zum vergrössern anklicken):

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Die Auffassungen über eine nachhaltige Lebensweise sind also auch auf einer solchen Veranstaltung recht vielfältig. Während die einen an Ständen für Elektromobilität werben, werden am nächsten Stand Fahrrad und Lastenrad gepriesen. An einer Stelle wurde Wildschwein auf den Grill gelegt, an der anderen vegane Würstchen verkauft.

In welchem Bereich auch immer, Nachhaltigkeit setzt langfristiges Denken und entsprechendes Handeln voraus, das war bereits bei Carlowitz’ Konzept bestimmend. Bei diesem langfristigen Denken sollten ökologische, soziale und wirtschaftliche Handlungsfelder der Entwicklung ein ausgewogenes Gefüge bilden. Dies war in den Entwicklungen der Vergangenheit nicht der Fall, wo rein wirtschaftliche Vorteile zuungunsten des ökologischen Bereiches entwickelt wurden. Mit der Multiperspektivität und wechselseitigen Kausalitäten unter den drei Bereichen vergrößert sich auch der Spielraum für Interpretationen. Was an unserer Gegenwart ist erhaltenswert, was sollte sich zum Besseren ändern? Worin liegt das Bessere?

Die drei genannten Handlungsfelder stehen in sehr unterschiedlichen Relationen. Ökologie umfasst die Wechselwirkungen zwischen Lebewesen und ihrer Umwelt. Das ist ein sehr viel weiterer Rahmen als Soziales und Wirtschaft, deren primärer Bezugsrahmen der Mensch ist, wenngleich die Auswirkungen auch für den Planeten enorm sein können. Gedacht werden alle drei freilich von Menschen – mal mit stärkerer Berücksichtigung anderer Spezies, mal eigennütziger: Daran entscheidet sich, ob das vegane Würstchen oder das Wildschwein auf dem Grill landet.

Es lohnt sich bei allen, die von Nachhaltigkeit sprechen die Nachfrage, welche Nachhaltigkeit genau gemeint ist. Wenn es sich im vorliegenden Fall nicht um Personen, sondern um womöglich sehr große Unternehmen handelt, die von Nachhaltigkeit sprechen, lassen wir uns die jeweilige Definition des Begriffsinhaltes am Besten schriftlich und mit Unterschrift des Vorstandes geben.

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